Kritik zu Guillermo Del Toros Pinocchio: Netflix zeigt Disney+ die lange Nase

Kaum ein anderes Kinderbuch wurde so oft verfilmt wie Carlo Collodis Pinocchio. Der erste Kurzfilm erschien bereits 1911. Von den bisher fast 100 Verfilmungen sticht die Disney-Version des überaus beliebten Cartoons aus dem Jahr 1940 deutlich heraus und hat damit unser Bild von der kleinen Jungenpuppe am nachhaltigsten geprägt. Erst vor wenigen Monaten gab es das für Disney+ produzierte Pinocchio-Remake mit Tom Hanks als Geppetto, in dem Regisseur Robert Zemeckis den Zeichentrickklassiker fast in einem Stück zum Leben erweckte. der Computeranimation und leider völlig enttäuscht. Wie es (definitiv!) besser geht, zeigt nun Guillermo de Toro (Nightmare Alley), der nur zweieinhalb Monate später mit seiner eigenen, ebenfalls für den Streamingdienst produzierten Version von Pinocchio nachlegt.

Wie man es von einem mexikanischen Filmvisionär erwarten würde, drückte er dem Material seinen eigenen (dunklen) Stempel auf und bestand darauf, eine Stop-Motion-Puppenanimation zu erstellen. Damit liegt del Toro deutlich vor Zemeckis, und Netflix weiß bereits, warum dem Oscar-Preisträger der Titel zugeschrieben wird.Pinocchio von Guillermo del Toro– noch einmal betont. Außerdem gibt es zuerst einen Kinostart und nur vier Wochen später geht es ins Streaming; Ein berechtigter Schritt, da wir es hier mit einer der besten Adaptionen der Fabel zu tun haben, die zudem deutlich mehr Eigenes bietet als alle anderen. Adaptionen früherer Filme. Es beginnt damit, dass die Geschichte, die erstmals 1883 veröffentlicht wurde, in eine andere Zeit versetzt wird …


Wer nur Disneys Pinocchio kennt, sollte sich erstmal an Guillermo del Toro gewöhnen…

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Während des Ersten Weltkriegs kümmert sich der einsame Holzschnitzer Geppetto (Originalstimme: David Bradley) auf dem italienischen Land um seinen Sohn Carlo. Der Junge wird jedoch bei dem Bombenanschlag tödlich verwundet. Geppetto trauert seit vielen Jahren. Eines Nachts beschließt er, eine Kiefer auf dem Grab seines Sohnes zu fällen, um einen neuen Jungen aus dem Holz zu schnitzen. Nur die Grille (Originalstimme: Ewan McGregor) sieht, wie sich die Waldgeister erbarmen und schickt deshalb die blaue Fee (Originalstimme: Tilda Swinton) los. Er erweckt die fast fertig geschnitzte Puppe zum Leben und nennt sie Pinocchio (Originalstimme: Gregory Mann).

Statt sich zu freuen, ist Geppetto am nächsten Morgen zunächst erschüttert und sperrt das muntere „Stück Holz“ im Zimmer ein, bevor er endlich so etwas wie Vaterliebe erlebt. Auch die Nachbarn reagieren ungeduldig, als sie Pinocchio sehen, und nennen ihn sogar einen Dämon, weil er das Feuer und die Gewehrkugeln überlebt hat. Doch das wiederum weckt das Interesse der Faschisten, die Italien längst auf den nächsten Krieg vorbereiten und in dem scheinbar unsterblichen Pinocchio den perfekten Soldaten sehen…

Nackt und geistig in den Fängen des Weihnachtsmanns

Optisch haben die Charaktere nicht mehr viel mit denen aus Disney gemein. Statt schöner Kulleraugen sieht man kantige, teils erschreckende Gesichter. Pinocchio selbst ist unvollendet, zwei Nägel stecken noch in seinem Hals, und er ist sicherlich nicht bemalt und gekleidet. Geppetto sieht normalerweise düster aus und sieht manchmal sogar aus wie ein hellseherischer Weihnachtsmann. Vergessen wir nicht den Cricketspieler Sebastian J. Cricket, der erneut als Erzähler fungiert, aber mit seinen pupillenlosen Augen immer etwas Unheilvolles ausstrahlt. Die Charaktere in diesem atmosphärisch perfekten Animationsfilm, gestaltet von Kinderbuchillustrator Gruss Grimley, der teilweise auch als Regisseur genannt wurde, gewannen die Sympathien des Publikums nicht nur durch ihr Äußeres. Vielmehr sind es die Handlungen, durch die die Charaktere an emotionaler Tiefe gewinnen und dadurch den Zuschauer fesseln.

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Überraschend ist die thematische Vielfalt, mit der Guillermo del Toro und sein Co-Regisseur Mark Gustafson (Fantastic Mr. Fox) ihren Pinocchio bereichern. Es beginnt damit, viel Zeit damit zu verbringen, die harmonische Vater-Sohn-Beziehung zwischen Geppetto und Carlos zu zeigen. Vor allem der Holzfäller bekommt einen stark erweiterten Charakteraufbau. Er ist nicht mehr Disneys gutherziger, tollpatschiger Greis, sondern nach dem tragischen Tod seines Sohnes zum grüblerischen Alkoholiker mutiert. Später, nachdem Pinocchio erschaffen wurde, wird es zu einem ganz anderen Konflikt. Der Holzjunge wird ständig mit Carlo verglichen und fühlt sich weder von seinem Schöpfer noch von seinem Vater gesehen. Er steht auf und so beginnt ein Abenteuer, das teilweise völlig anders ist als das, was wir bisher kannten.


… und auch Cricket ohne Pupillen wirkt auf den ersten Blick eher erschreckend als schön.

Einige Charaktere, wie der schlaue Fuchs und seine wilde Katze, kommen überhaupt nicht vor, andere, wie Pinocchios bester Freund mit dem Spitznamen Candlewick, erhalten mehr Gewicht. Candlewick ist der Sohn eines faschistischen Bürgermeisters, der Kinder in den Krieg ziehen und ihnen in einem Trainingslager das Töten beibringen will. Schon Del Toro hatte den spanischen Faschismus als historischen Hintergrund für seine Fantasy-Horrordramen The Devil’s Backbone und Pan’s Labyrinth ins Visier genommen, und auch in der Eröffnungssequenz von Hellboy streifte er den Größenwahn des deutschen Nationalsozialismus. Aus dieser Sicht ist es nur vernünftig, seinen „Pinocchio“ in die Zeit des italienischen Faschismus, in die 190er Jahre, zu verorten.

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Die Geschichte von „Pinocchio“ wird mit Kriegsbildern deutlich düsterer, die Fragen nach Moral und Menschlichkeit, die schon in der Hauptgeschichte stehen, wirken plötzlich viel drängender. Auch der Sinn von Leben und Tod wird verhandelt, auch christliche Motive spielen mehrfach eine Rolle. Also fragt das Kirchenkind, warum der hölzerne Jesus am Kreuz so beliebt ist, während der aus dem gleichen Material geschnitzte so abgelehnt wird. Große Themen für eine kleine Puppe, und manche Eltern fragen sich vielleicht, ob Guillermo del Toros Pinocchio wirklich etwas für Kinder ist. Aber wenn Sie Ihrer Generation vertrauen und sie schon früh an die Themen des Lebens heranführen wollen, dann sind Sie gut beraten, mit ihnen ins Kino zu gehen, um sie aufzuklären.

Fazit. In seiner Version von Pinocchio erfüllt sich Guillermo del Toro seinen Herzenswunsch, für den er zwölf Jahre kämpfen musste. War es das wert? Das Ergebnis ist ein emotional aufgeladener, zutiefst berührender und technisch meisterhaft inszenierter Animationsfilm, der ganz ohne den sonst oft gesuchten Coolness-Faktor in diesem Stoff auskommt.

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