“Mutter kannte keine Angst”: Ruth Baumgarte – im Rausch des afrikanischen Lichts

“Mutter hatte keine Angst.”
Ruth Baumgarte – berauscht vom afrikanischen Licht

Von Julian Rohr

Ein Farbenrausch, der Afrikas Appetit auf Wärme und Licht weckt. Die 2013 verstorbene deutsche Künstlerin Ruth Baumgarten wird posthum mit Ausstellungen gewürdigt. Aktuell in der Albertina in Wien mit einem Afrika-Zyklus, der zum Träumen anregt.

Lavaflutende Landschaften, berauschendes Licht, Menschen, die mit der Umgebung verschmelzen. Das Publikum spürt die Verbundenheit mit der Natur, die Wärme und Sonne Afrikas. Feurige Rottöne, sattes Orange und Ocker verschmelzen mit kräftigen Rosa- und Violetttönen. Bilder, die die Sehnsucht nach anderen Welten nähren. Die farbenfrohen Gemälde von Ruth Baumgarte sind warm, besonders wenn es draußen dunkel und kalt ist. “Afrika. visions of light and color” wird der deutsche Künstler nun in der Albertina in Wien wiederentdeckt. Spezialbehandlung. Ergänzt wird seine Kunst durch mehrere Werke und Wandteppiche des 1984 geborenen Ati-Patra Ruga. Das katapultiert Baumgartes afrikanische Farbströme in die Gegenwart. Die südafrikanische Künstlerin hat gerade den mit 20.000 Euro dotierten Ruth-Baumgarte-Preis entgegengenommen.

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Alexander Baumgarte freut sich, dass sich der junge afrikanische Künstler von der Farbgestaltung seiner Mutter inspirieren lässt.

(Foto von Sebastien Drewen)

Die Künstlerin schlug diese Auszeichnung ein Jahr vor ihrem Tod vor und verschlüsselte sie mit ihrer Stiftung, die sie 2012 gründete. Die Liste der acht Preisträger umfasst nun Persönlichkeiten wie Nan Goldin und William Kentridge. Baumgartes jüngster Sohn Alexander Baumgarte kümmert sich mit großer Hingabe um das Lebenswerk seiner Mutter. Schon früh folgte er seiner Mutter in ihr Atelier in Bielefeld, später wurde er ihr eifriger Reisebegleiter in Afrika. Baumgarte erzählt ntv.de von der abenteuerlichen Fahrt zwischen Nairobi und Tansania, bei der das Auto auf der unbefestigten Straße wie verrückt schwankte. „Ich war froh, als wir endlich unser Ziel erreichten. Andererseits hatte meine Mutter keine Angst. Auf seinen Reisen ist ihm nie etwas Schlimmes passiert.«

Frauen in Hauptrollen

Seit 1957 zog es die Künstlerin mehr als 40 Mal nach Afrika. „Das waren keine touristischen Urlaubsreisen“, sagt Alexander Baumgarten. “Er hatte dort Freunde, er kannte Journalisten, Künstler, aber auch andere Leute.” Und manchmal hielt er sich monatelang in Südafrika, Uganda, Kenia oder Äthiopien auf. Hier erstellte er kleine Skizzen der Menschen, denen er begegnete und die sich für ihre Geschichten interessierten. Diese farbintensiven Ölbilder entstanden ausschließlich in seinem Atelier in Bielefeld. Dabei entfernte er sich von Ort und Zeit und malte universell authentische Bilder, in denen er Figuren und Landschaften verwob.

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Bilder von expressionistischer Kraft. Baumgarte erzählte vom wahren Leben in Afrika und beobachtete genau.

(Foto: Ruth Baumgarte Kunststiftung)

Frauen spielen in Ruth Baumgartes Malerei eine große Rolle. Aber sie rahmt sie in ihren Bildern nicht als feministische Wesen ein. Sie thematisierte die Geschlechterrollen in Afrika. Frauen arbeiten normalerweise hart in ihren Szenen, Männer sind nicht in von Frauen besetzten Charakteren zu sehen. Sie selbst heiratete 1952 den Bielefelder Industriellen Hans Baumgarte und musste einem starren Güterteilungsvertrag zustimmen. Als emanzipierte Frau wollte sie ihr Leben als Künstlerin nicht gegen das einer Hausfrau und Mutter eintauschen. Er wollte beides kombinieren. Im Laufe der Jahrzehnte erwog er mehrmals eine Scheidung, entschied sich aber aus Verantwortung gegenüber den drei Kindern und der Hausfrau dagegen.

Sie blieb eine selbstbewusste Frau, sie ließ sich nicht in Rollenklischees und ein unpassendes Korsett drängen. Das Zusammenleben mit einem reichen Mann schränkte ihre Freiheit jedoch in vielerlei Hinsicht ein. In der Bundesrepublik Deutschland war es zwischen den 1950er und 1970er Jahren noch gesetzlich geregelt, dass Ehemänner ihre Frauen sponsern konnten. Als Akt der Selbstbefreiung gründete er 1975 die Produzentengalerie „Das Fenster“. Damit wollte er die regionale Kunstszene fördern.

Die Galerie finanzierte sie aus dem Verkauf von Gemälden. Aber die Arbeit in einer Galerie bedeutet auch, dass er wenig Zeit für seine eigene Kunst hat. 1986 durchbrach er diesen Teufelskreis und trat aus der Galerie aus. In dieser Zeit wurde ihm das von vereinzelten Ängsten geprägte Leben in der Bundesrepublik zu eng und er reiste immer wieder nach Afrika. Fernab von Waffendebatten und RAF-Terror. Den 63-Jährigen faszinierten die sozialen Spaltungen afrikanischer Kulturen, die Menschen in den Dörfern und Städten, die Landschaften und das soziale Leben. In der Albertina begann er seinen Afrika-Zyklus, der heute als Höhepunkt seines künstlerischen Lebens gilt.

Ein Blick auf Afrika ohne koloniale Arroganz

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Athi-Patra Ruga rundet die Ausstellung mit einem zeitgenössischen Blick auf Afrika ab. „In den Bildern von Ruth Baumgarte spürt man den Respekt vor dem Sujet.

(Foto von Sebastien Drewen)

Athi-Patra Ruga passt besonders gut zur Preisträgerin, da sie selbst ihre Inspirationsquellen in weißen europäischen Künstlerinnen wie Ruth Baumgarten sieht. Seine Werke sind gleichermaßen ausdrucksstark und farbenfroh. In der Albertina kann man sie fast ignorieren, so gut passen sie in die Ausstellung. In ihren Gemälden, Performances, Tapisserien oder Glasbildern zeigt Ati-Patra Ruga Avatare, die frei von Geschlecht, Klasse oder Ethnizität sind. Die 38-Jährige löst mühelos geografische Grenzen, Geschlechterzuordnungen und soziale Unterschiede in der afrikanischen Geschichte auf. Ihm schwebt ein gleichberechtigtes Südafrika ohne Rassismus und Homophobie vor. Denn trotz liberaler Gesetze ringen und kämpfen LGBTQIA+ Menschen in der sogenannten Regenbogennation für Gleichberechtigung.

Ruth Baumgarten zeigt den Frauen mit respektvollem Blick ihre Arbeit, etwa beim Trocknen von Kürbiskernen. Er blickte ohne jede Geste kolonialer Überlegenheit auf Afrika. Die heute fast täglich aufflammenden postkolonialen Debatten und Fragen der kulturellen Aneignung und Entfremdung gab es zu seiner Zeit nicht. Die in Wien lebende, in New York geborene Kunsthistorikerin Renee Gadsden sagt in ihrem Vortrag über die preisgekrönte Ati-Patra Ruga, dass sie wenig von diesem andauernden Diskurs hält, in dem alle in einem Regal landen. „Wir müssen verstehen, dass wir uns gemeinsam auf dieser Reise befinden, jeder Teil hat seinen Platz. Dies ist vergleichbar mit dem Yin-Yang-Zeichen. Da ist ein schwarzer Punkt im Weiß, und da ist ein Weiß im Schwarz. Sie, Atty, sind der erste offen schwule schwarze Künstler, der diesen Preis gewonnen hat. Es ist inspirierend und wichtig für viele Menschen.”

Niemand weiß, was Ruth Baumgarten zu dem Diskurs gesagt hätte. Alexander Baumgarten beschreibt seine 1923 geborene Mutter als Humanistin. Als er 1941 sein Kunststudium in Berlin begann, wurde er zu einem scharfen Beobachter seiner Umgebung. Schon damals waren seine Bilder den Menschen ihrer Wirklichkeit gewidmet. Weil er vor unbequemen Wahrheiten nicht zurückschreckte, wurden seine Bilder der NS-Diktatur nicht öffentlich gezeigt. In den 1950er Jahren malte er jahrelang Arbeiter in der Stahlindustrie. In seiner Kunst blickte er immer wieder auf die Außenseiter der Gesellschaft.

Auch in seinem Afrika-Zyklus geht es um Verfolgung, Flucht und Migration; dies geht aus seinen Skizzen hervor, die ebenfalls ausgestellt sind. Allerdings spielen hier politische Ereignisse eine Rolle, es zeigen sich Schwierigkeiten und Verzweiflung. Später drückte er in seiner Farbwahl und Formenzerlegung auch seine schwelende Besorgnis über soziale Konflikte aus. Die Energie, die von ihren Bildern ausgeht, ist positiv und macht Lust auf mehr von Ruth Baumgarte.

“Afrika. Die Ausstellung „Visionen von Licht und Farbe“ ist bis zum 5. März geöffnet Albertine, Wien

Mehr zu: Ruth-Baumgarte-Stiftung

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