Wissenschaft – Menschen mit starker Meinung schätzen Wissensstand hoch ein – Wissen

Bath/Erfurt (dpa) – Ob Impfstoffe, Klimakrise oder gentechnisch veränderte Organismen: Einige wissenschaftliche Themen rufen mitunter widersprüchliche und sehr starke Meinungen hervor. Eine im Fachblatt „PLOS Biology“ vorgestellte Studie bestätigt bisherige Analysen, wonach Menschen mit wenig Fachwissen Ergebnisse aus solchen Forschungsgebieten eher ablehnen. Zudem schätzen Personen mit einer starken Einstellung für oder gegen Wissenschaft ihr eigenes Wissen eher als sehr hoch ein.

Konkret befragten die Forscher 2.000 britische Erwachsene zu ihrer Einstellung zur Wissenschaft und dazu, wie sie ihr eigenes Verständnis einer Reihe von Forschungsthemen innerhalb der Genetik einschätzten. Sie beobachteten, dass die Befragten mit den stärksten Einstellungen – sowohl Befürworter als auch Gegner der Wissenschaft – mehr Vertrauen in ihr eigenes Wissen hatten.

Zu den Wahr/Falsch-Fragen gehörten: “Der Verzehr einer gentechnisch veränderten Frucht kann auch die Gene einer Person verändern”, “Alle Radioaktivität ist menschengemacht” und “Tomaten enthalten von Natur aus keine Gene, Gene kommen nur in gentechnisch veränderten Tomaten vor”.

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„Wir haben festgestellt, dass starke Einstellungen, sowohl für als auch gegen die Wissenschaft, durch ein starkes Vertrauen in die Wissenschaft unterstützt werden“, sagt Co-Autorin Laurence Hurst. Psychologisch sinnvoll, so das Team: Um eine starke Meinung zu haben, muss man fest an das glauben, was man über die grundlegenden Fakten weiß.

Wissenschaftskommunikation an eine schweigende Mehrheit adressieren

Dieses Grundwissen ist jedoch nicht unbedingt vorhanden: Wie die Analyse bestätigt, haben diejenigen, die sich am negativsten über ein Forschungsgebiet äußern, tendenziell wenig Wissen über das Thema. Laut den britischen Forschern ist zumindest bei gentechnisch veränderten Organismen nur eine sehr kleine Gruppe von rund fünf Prozent extrem negativ eingestellt. Grundsätzlich lassen sich die Ergebnisse nicht verallgemeinern, betont das Forschungsteam. Religiöse Einstellungen spielten beispielsweise eine große Rolle bei der Evolution und politischen Einstellungen in der Klimakrise. Es bleibt zu klären, inwieweit subjektives Verstehen bei solchen Fächern eine Rolle spielt.

Laut Eva Thomm von der Universität Erfurt bestätigen die aktuellen Ergebnisse die Ergebnisse früherer Studien. „Die Folge einer Überschätzung des eigenen Wissens in Verbindung mit einer kritischen Haltung gegenüber der Wissenschaft kann sein, dass man sich auf dubiose Informationen aus dubiosen Quellen verlässt“, erklärte der Psychologe in einer unabhängigen Einordnung.

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Die von den britischen Forschern gefundenen Zusammenhänge ließen sich laut Thomm zumindest teilweise auch auf Deutschland übertragen. Eine 2019 in „Nature Human Behaviour“ veröffentlichte Studie, die sich ebenfalls mit Einstellungen, subjektivem und faktischem Wissen über gentechnisch veränderte Organismen befasste, schloss auch eine deutsche Stichprobe ein und kam zu ähnlichen Ergebnissen.

In einer Analyse, an der Thomm beteiligt war, kamen die Autoren zu dem Schluss, dass sich Wissenschaftskommunikationskampagnen darauf konzentrieren sollten, die schweigende, unsichere Mehrheit zu erreichen, anstatt die lautstarke Minderheit zu überzeugen.

Verständnis für wissenschaftliche Prozesse fördern

Eine bloße Weitergabe von Informationen könne kontraproduktiv sein, hieß es nun auch. „Um die negative Einstellung einiger Menschen gegenüber der Wissenschaft zu überwinden, muss man wahrscheinlich dekonstruieren, was sie über Wissenschaft zu wissen glauben, und es durch ein genaueres Verständnis ersetzen“, erklärt Anne Ferguson-Smith, Mitautorin der Studie in PLOS Biology.

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Wie Thomm betont, sei es auch wichtig, das Wissenschaftsverständnis der Menschen zu berücksichtigen: „Welche Vorstellungen haben sie darüber, wie wissenschaftliche Erkenntnisse generiert werden, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler miteinander diskutieren oder wie wissenschaftliche Standards aussehen?“ Zu einer adäquaten Vorstellung von Wissenschaft gehört das Wissen um die Unsicherheit wissenschaftlicher Erkenntnisse und um wissenschaftliche Kontroversen.

Der Mangel an solchem ​​Wissen könnte möglicherweise eine treibende Kraft für die Entwicklung einer negativen Einstellung sein. „Wissenschaftskommunikation muss es gelingen, solche Unsicherheiten im Rahmen wissenschaftlicher Prozesse zu vermitteln, ohne die Glaubwürdigkeit oder Akzeptanz zu untergraben“, sagt Thomm. „Widersprüche und Veränderungen können zunächst Unbehagen hervorrufen. Sie sind aber auch ein Indiz dafür, dass Wissenschaft funktioniert.“

© dpa-infocom, dpa:230125-99-344768/3

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